Archiv für Oktober 2011


Thermodynamik

25. Oktober 2011 - 19:24 Uhr

In dieser unseren Welt geschehen wahrlich seltsame Dinge. Doch werden alle diese Geschehnisse aufgrund ihrer Absurdität als unwahr betrachtet. Dabei beweist aber das gehäufte Auftreten solcher absurden Begebenheiten bereits ihre Existenz.
Erinnert sei hier an den mir persönlich bekannten Fall des Mannes, der über Jahrzehnte mit einem Schraubenzieher in seinem Gehirn gelebt hatte. Nachträgliche Recherchen brachten zu Tage, dass der Mann im Alter von ca. 11 Jahren einen Schraubenzieher – Länge der Klinge 14 cm – aus dem Werkzeugkasten seines Vater gestohlen hette. Was er damit vorhatte, konnte er später nicht mehr sagen. Auch nicht warum er sich den Schraubenzieher in seine Nase steckte. Und zwar so tief, dass der Junge ihn nicht mehr herausziehen konnte. Aus Scham verschwieg er dies und später vergaß er den Fremdkörper sogar. Während er also älter wurde, wanderte der Schraubenzieher langsam hoch in die Hirnregion. Auch dies bereitete ihm keinerlei Probleme – Abgesehen von zeitweiliger Anorexie, Inkontinenz und temporärer Impotenz. Aufgrund dieser Beschwerden, vor allem die Impotenz war ein Problem für seine Frau, besuchte der Mann einen bekannten Psychiater. Doch dieser konnte keine psychische Störung feststellen. Jedenfalls nicht beim Mann. Aber dessen Frau konsultierte der Arzt regelmäßig, wenn der Mann arbeiten war, denn sie habe es nötig, wie er im Interview erklärte. Weiterlesen »

| Schrift

David Foster Wallace – Der Besen im System

23. Oktober 2011 - 20:30 Uhr

Kein Besen im System

Der erste Roman von David Foster Wallace sprüht von abstrusen Einfällen und bietet ein wahrhaft gutes Lesevergnügen.
Es gibt Verbindungsprobleme in der Telefonzentrale des Verlagshauses Frequent & Vigorous in der Leonore Beadsman, Tochter des steinreichen Stonecipher Beadsmann III, dem eigentlich alles gehört, arbeitet. Andauernd melden sich Anrufer die einen Käseladen, eine Abschleppfirma, den Goodyear-Reifendienst oder Bambi‘ s Bondage-Katakombe erreichen wollen. In dieser Form, die Verbindung von mehreren Zeitsträngen und Erzählperspektiven, findet sich auch im ersten Roman von David Foster Wallace (1962-2008). Die Geschichte beginnt im Jahre 1981, als die noch junge Leonore im Wohnheim ihrer älteren Schwester übernachtet und eine Begegnung, nicht nur mit einem hübschen Mädchen, die hässliche Füße hat, macht, sondern auch mit zwei betrunkenen Studenten. „…alle Probleme im Kontext der von mir angedachten Geschichte nicht nur behandelt, sondern auch gelöst werden können.“ Was sich nun nach einer schwierigen und unlesbaren Geschichte anhört, „Eine zutiefst beunruhigende Geschichte. Und das Produkt eines zutiefst verkorksten Studi-Hirns“, ist in Wahrheit ein wahres Lesevergnügen. Weiterlesen »

| Literatur

Tango fatale (5)

11. Oktober 2011 - 11:26 Uhr

Er erwachte mit einer schmerzenden Wade und dem Geschmack von getrocknetem Blut auf den Lippen. Die bereits hochstehende Sonne ließ ihn blinzeln, während er den lauten Verkehrsgeräusche lauschte, die durch das offene Fenster zu ihm drangen. Was hielt ihn eigentlich noch in diesem Land? War es nicht längst an der Zeit ins Ursprungsland des Tango zu fahren? Er fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Kinn, so wie viele Männer es tun, wenn sie nachdenken. Gut, er würde fahren und heute würde er seinen letzten Tango hier tanzen. Erregt und ungewaschen lief er nach unten, leerte seinen Briefkasten, doch die Post interessierte ihn nicht, weder die ungewollte vom Finanzamt, der Arbeitsstelle, die vielen Werbeprospekte, noch die erhoffte vom Jugendamt. Einzig die Tageszeitung schlug er auf und fand, was er suchte. Heute gab es auf dem Schlossplatz eine Milonga. Was für ein schöner Platz für den letzten Tanz, dachte er, stieg dann unter die Dusche und sang von der Hoffnung auf ein besseres Leben im fernen Süden, zog sich schließlich an und ging hinaus, während in seiner Wohnung der Staub weiter wuchs und die Gurken und ein Joghurt vom Schimmel überzogen wurden.
Weiterlesen »

| Schrift

Wildwuchs

10. Oktober 2011 - 09:52 Uhr

Es war eine Nacht voller funkelnder Sterne. Die kleinen Körper glitzerten so hell wie niemals zuvor oder jemals danach. Und diejenigen, die zu dieser späten Stunde noch nicht schliefen, betrachteten dieses Schauspiel mit offenem Mund und vergaßen für einen Moment die Schrecken der Nacht.
Denn jedes mal, wenn die Sonne hinter dem Horizont versank, wurde die Erde in Dunkelheit getaucht und kleine böse Geister krochen hervor. Doch irgendwann bauten die Menschen kleine Sonnen und nahmen so der Dunkelheit ihren Schrecken. Diese kleinen Sonnen, man nennt sie auch Glühbirnen, leuchteten an Hauswänden, hoch oben an Decken, auf Schreibtischen, in Schränken, in Taschenlampen und sogar tief im Wald.
Dort hinter unzähligen Kiefern, Fichten, Eichen und Birken stand ein einfaches Holzhaus mit einer Tür, einem Schornstein und vier Fenstern. Und hinter einem dieser Fenster leuchtete eine Glühbirne unter einem Lampenschirm. Weiterlesen »

| Schrift

Fernando Pessoa – Die Stunde des Teufels und andere seltsame Geschichten

5. Oktober 2011 - 16:26 Uhr

Unterhaltsame, philosophische Geschichten

Geschichten und teilweise nur Geschichtsfragmente lassen das Können des Portugiesen Fernando Pessoa erahnen und fordern zu weiteren Entdeckungen auf.
Fernando Pessoa (1888-1935) war ein portugiesischer Lyriker, Poet, Übersetzer, Essayist und Prosaist, u. a . „Das Buch der Unruhe“, der auch unter vielen Pseudo- und Heteronymen – Pseudonym mit eigenem Schreibstil und eigener Biographie -, schrieb, wie beispielsweise Ricardo Reis, Alvaro de Campos und Alexander Search.
In der Kurzgeschichtensammlung „Die Stunde des Teufels und andere seltsame Geschichten“, finden sich einige Werke des Portugiesen, die nur als Fragmente vorlagen. In seinem Nachlass wurden viele unfertige Stücke gefunden, die nun in der portugiesischen Nationalbibliothek lagern. Weiterlesen »

| Literatur