Archiv für Dezember 2011


Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Weiße Nächte

29. Dezember 2011 - 09:58 Uhr

Melancholie und Witz

Zwei sehr unterschiedliche aber gleichfalls überzeugende Geschichten von Dostojewski finden sich in dem dünnen Bändchen „Weiße Nächte.“ Es geht um Träume, Sehnsucht, Zauber und um Eifersucht als Komödie.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) lebte lange Zeit in St. Petersburg, wo er die berühmten weißen Nächte wohl oft bewundern durfte. In diesen speziellen Nächten im Sommer geht die Sonne nicht vollständig unter und ein mystisch silbernes Glühen am Firmament verzaubert die Menschen. Und in so einer Nacht, welche andere wäre sonst geeignet?, trifft der Träumer aus der Erzählung „Weiße Nächte“, auf die lang ersehnte Liebe, „Ich träume nur jede Nacht davon, dass mir endlich einmal jemand begegnet.“ Es ist die junge Nastenka, die voller Verzweiflung durch die Weiterlesen »

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Das (ab)normale Verhalten (Regional)Bahnreisender bei einer (un)gewöhnlichen Störung

28. Dezember 2011 - 10:59 Uhr

Jeder Mensch macht mindestens einmal in seinem Leben die Erfahrung, dass sich Glück im Lauf der Zeit in Unglück wandeln kann. Beispiele dafür gibt es zuhauf, erwähnt sei hier lediglich der Traummann, der dem Alkohol verfällt und seine Frau bald nicht mehr mit wichen Küssen, sondern mit harten Schlägen begrüßt. Als weiteres Beispiel gilt der unerwartete Lotteriegewinn, der nach einem kurzen Leben in Saus und Braus letztlich ins Armenhaus führt.
Doch es müssen gar nicht so große Glücksmomente sein, die einen Alptraum zu Tage fördern. Manchmal reicht viel weniger.
Ich rannte, das tat ich immer, auch wenn der Zug in neunundneunzig Prozent der Fälle schon planmäßig abgefahren war. Doch diesmal stand die zweistöckige rot und weiß gestrichene Regionalbahn noch am Bahnsteig. Ich schaffte es gerade noch meine Hand, zwischen die sich schließenden Türen zu stecken. Sie glitten wieder auf, ich trat ein und prallte gegen einen Polizisten, der in eine Kampfmontur gekleidet war. Um seinen Körper spannte sich eine dicke Weste, die Stiefel waren mit Stahlkappen verstärkt und am Gürtel baumelten ein Helm mit Sichtschutz, ein Reizgasspray und ein Schlagstock. „Gerade nochmal Glück gehabt“, sagte er. Weiterlesen »

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Haruki Murakami – Blinde Weide, schlafende Frau

7. Dezember 2011 - 10:47 Uhr

Verschwommene, seltsame Kurzgeschichten

Vierundzwanzig Kurzgeschichten von Haruki Murakami finden sich in dem Band „Blinde Weide, schlafende Frau.“ Leider können einige wenige sehr gute Geschichten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Autor hier nicht in Bestform ist.
Der im Jahre 1949 geborene Japaner Haruki Murakami hat in seinem bisherigen Schriftstellerleben bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten verfasst, die mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Der vorliegenden Band „Blinde Weise, schlafende Frau“, versammelt nun vierundzwanzig Kurzgeschichten des Autors, die er über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren verfasst hat und die bisher in Deutschland nicht veröffentlicht wurden. Abgesehen von den beiden vorhandenen Kurzgeschichten, die er später zu den Romanen „Sputnik Sweetheart“, und „Naokos Lächeln“, ausgearbeitet hat.
In dem interessanten Vorwort erklärt Murakami den Unterschied zwischen dem Schreiben von Kurzgeschichten und Romanen. Weiterlesen »

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Wenn die Sonne untergeht

4. Dezember 2011 - 22:51 Uhr

Ihr Haar roch nach Holunder, in ihre Wimpern war ein Grashalm geflochten, ihr Atem verströmte noch immer den Geruch des Brotes, das sie am frühen Morgen in der kleinen Küche geteilt hatten. Er strich über ihre Wange, sie öffnete ihre Augen. Du hast mich beobachtet, während ich schlief, sagte sie, sich den Schlaf aus den Augen reibend, Ja, ich beobachte dich immer, warum?, weil ich Angst habe, zu vergessen, wie du aussiehst, wenn ich die Augen schließe. Sie lächelte, zog ihn an sich und der folgende Kuss sagte mehr, als viele Worte hätten sagen können.
Sie reichte ihm die Trinkflasche, er stillte seinen Durst. Bevor wir weitergehen, sagte er, ja?, würde ich gerne mit dir tanzen, so wie früher, erinnerst du dich?, wie könnte ich jemals unsere Vergangenheit vergessen? Er reichte ihr die Hand in diesem abgelegenen Tal zwischen den Dornbüschen, dem harte Gras und dem Blick der Anden ausgesetzt. Weiterlesen »

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