Archiv für Januar 2014


Der Lafote (Beginn)

20. Januar 2014 - 12:31 Uhr

Sie kam in das Zimmer mit diesem Gesichtsausdruck, der auf eine Überraschung hindeutete. Verstärkt wurde der Eindruck noch durch ihre hinter dem Rücken verschränkten Hände. Meine Lippen zogen sich zu einem Lächeln hoch. Doch das Lächeln erstarb, meine Züge gefroren zu einer Fratze.
„Hi, ich habe etwas für dich.“
Mit diesen Worten streckte sie ihre Hände nach vorne und mein Herz blieb exakt in diesem Augenblick stehen, nur um dann völlig taktlos weiterzuschlagen, so als hätte mein lebensspendendes Organ verlernt einen regelmäßigen Takt zu halten.
„Was ist das?“, stammelte ich.
„Das ist ein Lafote.“
Dieser Lafote war etwa fünfzig Zentimeter lang, hatte die Dicke meines Armes und war bleich wie der Tod. Warum fiel mir nicht ein anderer Vergleich ein? So, wie etwa, bleich wie Sand oder bleich wie Kaffeeweißer, stattdessen bleich wie der Tod und ähnlich bleich war nun auch meine Haut.
Meine Freundin kratzte mit diesem Ding über mein Gesicht. Ich fühlte mich wie ausgedörrter Boden, in den eine Harke geschlagen und der gewaltsam aufgerissen wird, eine niemals heilende Narbe hinterlassend.
„Was ist ein Lofote?“ Meine Stimme nur noch ein Krächzen, merkte sie denn auch das nicht? Weiterlesen »

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Ein Mistelzweig in der Bahn an einem stürmischen Tag

12. Januar 2014 - 18:00 Uhr

Die Tür ging auf und etwa ein dutzend Menschen in gefütterten Jacken, schmutzigen Stiefeln und nassen Haaren stieg in die bereits mehr als gut gefüllte Bahn ein. Und diese Neuankömmlinge kämpften mit verschiedenen Mitteln, um einen Platz. Eine dunkelhaarige Frau zupfte ihren Schal zurecht, während sie dabei vorsichtig zur Seite ging und so ihren Platz fand, ein kleiner Junge kümmerte sich gar nicht um die anderen, zog den Rotz hoch und hatte schon seinen Platz erstritten, eine ältere Dame schaute sich hilfesuchend um und kurze Zeit später hatte sie ihren Sitzplatz.
Die Luft in der Bahn war ein höchst komplexes Bouquet, mit den Ingredienzien: Schweiß, dampfende Socken, nasser Hund, Parfüm und vielfältigen anderen Düfte, die ich nicht genau einordnen konnte. Manch einer rümpfte die Nase, doch die meisten ergaben sich dem Duftschicksal. Ich widmete mich weiter meiner Lieblingsbeschäftigung, der Beobachtung meiner Mitreisenden. Weiterlesen »

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