Blau

28. Mai 2017 - 21:55 Uhr

Pock, pock, pock, pock, regelmäßig schlug ihrer blauer Kugelschreiber auf den Notizblock, drei Zähne ausgeschlagen, Bruch des rechten Handgelenks, Prellungen, das kann so nicht weitergehen, sie atmete tief ein, in dieser Woche liegen zwei neue Anzeigen gegen sie vor. Sie können nicht jede Woche Menschen blutig schlagen, Menschen, die zufällig da waren, wissen sie, ihre Stimme wurde sanfter, ich hatte schon viele Patienten und jedem konnte ich helfen und auch ihnen werde ich helfen können, dazu müssen sie mir aber etwas mehr über sich erzählen, was gefällt Ihnen? Sie blickte mich an, jedenfalls nahm ich das an, ich schaute aber nicht in ihre Richtung. Ich blickte zur Decke und stellte mir vor, dass ich den Himmel sehen könnte, einen blauen Himmel, nein nicht ganz blau, es gibt einige wenige Schäfchenwolken, die vorüberziehen. Schäfchenwolken verheißen gutes Wetter, hatte Großvater gesagt, schau sie dir genau an, damit du sie jederzeit wiedererkennen kannst. Kann man sie denn überall sehen, Großvater?, natürlich, den Himmel kann dir niemand nehmen.
Sie müssen doch irgendein Hobby haben, jeder Mensch braucht seinen Freiraum, um sich nicht zu verlieren in dieser Welt, ich denke sie haben sich verloren, stimmts?, kommen sie, wir holen sie wieder auf den richtigen Weg.
Träumst du?, rief mir Mutter zu und lächelte, ich lächelte zurück und versank wieder im tiefen Blau des Ozeans, die Wellen brachten mich wieder zum Boot, wir lachten, jeden Tag, bis wir wegzogen, fort vom Meer, der Himmel und die Wolken waren zwar immer noch da, aber das Blau war anders.
Sie wirken immer so ruhig und gefasst, ihre Kollegen beschreiben sie so, warum also diese Ausraster, warum treten sie jemanden von hinten in die Beine, werfen Stühle auf Menschen, zertrümmern Computer, warum? Kommen sie sprechen sie mit mir, wohin soll ihr Weg gehen, sagen sie mir, wie ich ihnen helfen kann.
Die Sitzung war zu Ende, ich machte mich auf den Heimweg, vorbei am Baumarkt, über die Kreuzung, die Bushaltestelle passieren und dann am Schwimmbad nach links in den kleinen Weg. Ich blieb stehen, ließ das Pärchen vorbei, schaute ihnen nach und folgte ihnen zur Schwimmhalle.
Großvater, was, wenn der Himmel verschwindet? Dann Junge, musst du ihn finden, gib nicht auf, lass dich von niemanden aufhalten.
Ich zahlte den Eintritt und ging ins Foyer. In der Wand war eine Glasscheibe, die den Blick auf den unteren Teil des Schwimmbeckens zeigte.
Das Blau des Wasser hüllte mich ein, meine Muskeln entspannten sich, ein Bein tauchte auf, dann ein weiteres und sie verschwanden wieder. Ich beobachtete eine Schwimmerin, unregelmäßig schlug sie ihre Bein, die Menschen wirkten in dem Wasser verloren, es war nicht ihr Element, trotzdem fühlten sie sich wohl. Sie ließen sich vom Wasser treiben, tauchten hinab, winkten den Zuschauern vor dem Glas, Menschen kamen und schwammen wieder davon, ich blieb vor dem Fenster und beobachtete sie, hey sie wir schließen gleich, wollen sie noch ins Wasser? Ich ging zu den Umkleiden, versteckte mich dort, als das Schwimmbad abgeschlossen warm, kam ich wieder heraus und setzte mich auf die Bank vor dem Glasfenster.