Kategorie: Schrift


Blau

28. Mai 2017 - 21:55 Uhr

Pock, pock, pock, pock, regelmäßig schlug ihrer blauer Kugelschreiber auf den Notizblock, drei Zähne ausgeschlagen, Bruch des rechten Handgelenks, Prellungen, das kann so nicht weitergehen, sie atmete tief ein, in dieser Woche liegen zwei neue Anzeigen gegen sie vor. Sie können nicht jede Woche Menschen blutig schlagen, Menschen, die zufällig da waren, wissen sie, ihre Stimme wurde sanfter, ich hatte schon viele Patienten und jedem konnte ich helfen und auch ihnen werde ich helfen können, dazu müssen sie mir aber etwas mehr über sich erzählen, was gefällt Ihnen? Sie blickte mich an, jedenfalls nahm ich das an, ich schaute aber nicht in ihre Richtung. Ich blickte zur Decke und stellte mir vor, dass ich den Himmel sehen könnte, einen blauen Himmel, nein nicht ganz blau, es gibt einige wenige Schäfchenwolken, die vorüberziehen. Schäfchenwolken verheißen gutes Wetter, hatte Großvater gesagt, schau sie dir genau an, damit du sie jederzeit wiedererkennen kannst. Kann man sie denn überall sehen, Großvater?, natürlich, den Himmel kann dir niemand nehmen. Weiterlesen »

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Johatsu

23. Mai 2017 - 20:56 Uhr

Es geschah in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Eine milde Nacht war es, werden die Nachbarn später bei der Befragung angeben. Ja, es war eine milde Nacht, ich weiß es noch so genau, da ich mit meiner Frau auf dem Balkon saß und wir uns über den Tag unterhielten, und sie haben nichts bemerkt, nein, und wie ich so darüber nachdenke, war die Nacht nicht nur mild, sondern auch ruhig, normalerweise dröhnt der Verkehr von der Schnellstraße zu uns, so dass die Fenster bei uns fast immer geschlossen sind, doch in dieser Nacht, sagte meine Frau, komm wir gehen auf den Balkon.
Und sie wollen sagen, sie hätten nichts gehört, sie die sich jede zweite Nacht bei uns melden, um uns eine Ruhestörung zu melden, nein, warum?, weiß ich auch nicht, ich aß zu Abend und dann bemerkte ich meine Nachbarn, die auf dem Balkon saßen und die Sterne beobachteten und so ging ich zum Fenster und saß den Mond, sie wissen, dass Vollmond war, natürlich, rund und große schien er auf mich herab, ich glaube, so groß habe ich ihn noch nie gesehen, und sie haben nicht auf die Straße geschaut, in so einer hellen Mondnacht, kann man doch alles sehen, was sich unten abspielt, nein, tut mir leid. Weiterlesen »

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Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

25. Februar 2017 - 23:59 Uhr

Mathezauber

Mathematik spannend und liebevoll verpackt in eine Geschichte über einen Professor, der nur für seine Zahlen lebt, bis eine Haushälterin mit ihrem Sohn in sein Leben tritt.
Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa hat ein besonderes Talent und damit ist nicht gemeint, dass Schreiben von fantastischen, herzerwärmenden und philosophischen Geschichten. Ihr besondere Begabung liegt darin, ein auf den ersten Blick für viele Menschen uninteressantes, trockenes Thema in eine Geschichte zu packen und den Leser die Leser dafür zu gewinnen.
In ihrem Roman, „Schwimmen mit Elefanten“ ging es um das Schachspielen, ein einsames oft langweiliges Spiel, doch Ogawa entdeckte den Zauber darin und so auch ihre Leser. Schachspielen sehe ich seitdem in einem anderen Licht.
In ihrem Roman „Das Geheimnis der Eulerschen Zahl“ ist es nun Mathematik. Ja, genau, Mathematik, ein Fach, das viele Schüler in zur Verzweiflung brachte. Doch man kann Zahlen auch lieben lernen. Weiterlesen »

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Stellungskrieg

11. November 2014 - 18:46 Uhr

Die Stellung muss immer gehalten werden, ob es stürmt oder schneit, der Magen knurrt, die Blase voll und die Gelenke Schmerzen. Niemals darf die Stellung verlassen werden.
Diese Worte seines Urgroßvaters, die im Originaltagebucheintrag noch mit drei Ausrufezeichen versehen waren, kamen ihm wieder einmal in dieser Nacht in den Sinn, während er sich Kaffee aus der Stahlthermoskanne eingoss. Das Tagebuch hatte er bereits als Jugendlicher gelesen und war fast augenblicklich fasziniert gewesen. Zuerst nur von den Worten später dann auch vom ersten Weltkrieg. So erfuhr er von den Schützengräben und den weitläufigen Tunnelsystemen, die von den Veteranen angelegt wurden, hatte die Tunnel in Frankreich durchwandert, die Zeichnungen der jungen Soldaten fotografiert und sich gefühlt, als wäre er im Krieg. Doch so realistisch ihm die Vorstellung erschienen war, sie war doch nur ein Produkt der Fantasie, wie es tatsächlich gewesen war, das konnte er nicht wissen. Jedenfalls hatte er das all die Jahre gedacht, bis zum heutigen Tag. Weiterlesen »

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Carlitos Weg

25. März 2014 - 22:05 Uhr

Carlito krallte sich in das dichte Fell des Lamas. Der Schnee fiel nun so stark, dass er kaum die Augen aufhalten konnte. Und schon glaubte er, die schroffen Berge seien ein Traum und er war in einer Oase inmitten einer kargen Landschaft. Mit wasserspeienden Elefanten mit denen er im Wasser spielte, kleinen Vögel mit blauen Flügeln in den Palmen, die so zärtlich sangen, dass er Freudentränen vergoss und einem Dachs, der seinen Weg kreuzte und ihn nach der Uhrzeit fragte.
Es ruckelte, das Lama hatte kurzzeitig den Halt verloren und Carlito wurde zurückgebracht in die Realität einer steilen grauen Wand, die kein Ende zu nehmen schien. Wäre er hier ganz alleine, dann hätte er vermutlich schon vor längerer Zeit umgedreht. Weiterlesen »

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Der Lafote (Beginn)

20. Januar 2014 - 12:31 Uhr

Sie kam in das Zimmer mit diesem Gesichtsausdruck, der auf eine Überraschung hindeutete. Verstärkt wurde der Eindruck noch durch ihre hinter dem Rücken verschränkten Hände. Meine Lippen zogen sich zu einem Lächeln hoch. Doch das Lächeln erstarb, meine Züge gefroren zu einer Fratze.
„Hi, ich habe etwas für dich.“
Mit diesen Worten streckte sie ihre Hände nach vorne und mein Herz blieb exakt in diesem Augenblick stehen, nur um dann völlig taktlos weiterzuschlagen, so als hätte mein lebensspendendes Organ verlernt einen regelmäßigen Takt zu halten.
„Was ist das?“, stammelte ich.
„Das ist ein Lafote.“
Dieser Lafote war etwa fünfzig Zentimeter lang, hatte die Dicke meines Armes und war bleich wie der Tod. Warum fiel mir nicht ein anderer Vergleich ein? So, wie etwa, bleich wie Sand oder bleich wie Kaffeeweißer, stattdessen bleich wie der Tod und ähnlich bleich war nun auch meine Haut.
Meine Freundin kratzte mit diesem Ding über mein Gesicht. Ich fühlte mich wie ausgedörrter Boden, in den eine Harke geschlagen und der gewaltsam aufgerissen wird, eine niemals heilende Narbe hinterlassend.
„Was ist ein Lofote?“ Meine Stimme nur noch ein Krächzen, merkte sie denn auch das nicht? Weiterlesen »

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Ein Mistelzweig in der Bahn an einem stürmischen Tag

12. Januar 2014 - 18:00 Uhr

Die Tür ging auf und etwa ein dutzend Menschen in gefütterten Jacken, schmutzigen Stiefeln und nassen Haaren stieg in die bereits mehr als gut gefüllte Bahn ein. Und diese Neuankömmlinge kämpften mit verschiedenen Mitteln, um einen Platz. Eine dunkelhaarige Frau zupfte ihren Schal zurecht, während sie dabei vorsichtig zur Seite ging und so ihren Platz fand, ein kleiner Junge kümmerte sich gar nicht um die anderen, zog den Rotz hoch und hatte schon seinen Platz erstritten, eine ältere Dame schaute sich hilfesuchend um und kurze Zeit später hatte sie ihren Sitzplatz.
Die Luft in der Bahn war ein höchst komplexes Bouquet, mit den Ingredienzien: Schweiß, dampfende Socken, nasser Hund, Parfüm und vielfältigen anderen Düfte, die ich nicht genau einordnen konnte. Manch einer rümpfte die Nase, doch die meisten ergaben sich dem Duftschicksal. Ich widmete mich weiter meiner Lieblingsbeschäftigung, der Beobachtung meiner Mitreisenden. Weiterlesen »

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