Johatsu

23. Mai 2017 - 20:56 Uhr

Es geschah in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Eine milde Nacht war es, werden die Nachbarn später bei der Befragung angeben. Ja, es war eine milde Nacht, ich weiß es noch so genau, da ich mit meiner Frau auf dem Balkon saß und wir uns über den Tag unterhielten, und sie haben nichts bemerkt, nein, und wie ich so darüber nachdenke, war die Nacht nicht nur mild, sondern auch ruhig, normalerweise dröhnt der Verkehr von der Schnellstraße zu uns, so dass die Fenster bei uns fast immer geschlossen sind, doch in dieser Nacht, sagte meine Frau, komm wir gehen auf den Balkon.
Und sie wollen sagen, sie hätten nichts gehört, sie die sich jede zweite Nacht bei uns melden, um uns eine Ruhestörung zu melden, nein, warum?, weiß ich auch nicht, ich aß zu Abend und dann bemerkte ich meine Nachbarn, die auf dem Balkon saßen und die Sterne beobachteten und so ging ich zum Fenster und saß den Mond, sie wissen, dass Vollmond war, natürlich, rund und große schien er auf mich herab, ich glaube, so groß habe ich ihn noch nie gesehen, und sie haben nicht auf die Straße geschaut, in so einer hellen Mondnacht, kann man doch alles sehen, was sich unten abspielt, nein, tut mir leid.
Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, sie hätten nichts von Herrn Saita, ihrem Nachbarn, der nebenan wohnt in dieser Nacht mitbekommen?, Herr Saita hieß er also, ja, und er wohnte in diesem Haus seit mehr als zwanzig Jahren, so lange also, und sie wohnen doch auch bereits fünfzehn Jahre hier, da kann es doch nicht sein, dass sie diesen Mann nie begegnet sind, nun, vielleicht habe ich ihn mal getroffen, am Fahrstuhl vermutlich, da begegnen sich immer viele Menschen, ich hatte aber nie viel Kontakt zu meinen Mitbewohnern. Schauen sie, dass ist ein Foto von Herrn Saita, kennen sie ihn?, Hmm, schwer zu sagen, ich kann mir Gesichter schlecht merken und ich habe täglich mit hunderten Kunden zu tun, da wäre doch mein Speicher gleich voll, wenn ich mir alle Gesichter merken würde.
Es muss doch ziemlich laut in dieser Nacht gewesen sein, laut sagen sie, nein es war eine stille Nacht und hell war sie, sie sind doch Techniker, ja, das bin ich, können sie mir dann erklären, wie es sein kann, dass ein Kühlschrank, ein Sofa, ein Schrank und viele weitere Sachen, aus einer Wohnung heraus transportiert werden und es keine Geräusche gibt, woher wissen sie, dass Herr Saita, sie kennen ihn also, natürlich kenne ich ihn, nun manche Nachbarn kennen ihn nicht, ich bin halt niemand, der kopflos an seinen Mitmenschen vorbeiläuft, aber nochmal zu meiner Frage, woher wissen sie, dass es in dieser Nacht passiert sein muss, viele Informationen dürfen wir nicht herausgeben, schließlich ist dieser Fall noch ungeklärt, doch das kann ich ihnen beantworten, er war bis zu diesem Tag an seiner Arbeitsstelle erschienen, nach dieser Nacht aber nicht mehr, hmm, dann muss es wohl in der Nacht passiert sein, aber es tut mir leid, ich ihnen nicht helfen, weder habe ich Herrn Saite in dieser Nacht gesehen, obwohl ich den Mond beobachtete, und kommt ihnen das nicht merkwürdig vor, nein, ich war so von dem Mond gefesselt, dass ich nichts anderes bemerkte.
Die Polizei erfuhr nichts von den Mitbewohnern von Herrn Saite, bekannt war nur folgendes, Herr Saita, 47 Jahre alt, galt als zuverlässig und war nicht einen einzigen Tag krank, stets erschien er pünktlich und erledigte seine Arbeit einwandfrei, nie beschwerte er sich, pflegte auch mehr zu arbeiten oder auf seinen Urlaub zu verzichten, wenn der Arbeitgeber es verlangte. Herr Saite zahlte seine Miete zuverlässig und hatte auch sonst keine Schulden. Er hatte keine Angehörigen mehr, seine Eltern waren schon vor vier Jahren verstorben und Geschwister hatte er nicht, ebenso war er nicht verheiratet und Freunde konnte die Polizei nicht ausfindig machen. Ebendieser Mensch verschwand in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Die Polizei wurde etwa vier Tage später vom Arbeitgeber informiert. Als sie an der Wohnung von Herrn Saita kligelten, öffnete niemand, der verständigte Hausmeister schloss die Tür auf, warf einen Blick hinein und pfiff durch den Mund, dann verschwand er und die Beamten betraten die Wohnung. Sie war leer. Nicht ein einziges Möbelstück stand mehr in der Wohnung, sie war gefegt und vermittelte den Eindruck, dass der nächste Mieter bald einziehen könnte, es fanden sich keine Spuren und die einzigen Fingerabdrücke waren die von Herrn Saita, für die Polizei war dieser Fall ein Rätsel, den sie auch nach etlichen Jahren nicht lösen konnte und so legte sie den Fall schließlich auf den Stapel der ungeklärten Fälle, doch für manchen anderen Menschen war der Fall gar nicht so ungeklärt.
Der Hausmeister saß an dem Abend, an dem er die Tür von Herrn Saitas Wohnung geöffnet hatte in einer Bar und trank Whisky. Ich weiß, was mit Herrn Saita passiert ist, er ist schließlich nicht der erste, und die Polizei hat dich nicht befragt, nein, und glauben werden sie es sowieso nicht, als Humbug werden sie es abstempeln, nun sag schon, was ist mit dem Mann passiert, nun ja, hundertprozentig sicher kann man sich da nie sein, aber, aber was?, er nahm einen Schluck von seinem Whisky ehe er weitersprach, er ist ein johatsu geworden, ein Mensch, der aus seinem Leben floh, einem Leben, bei dem nur die Arbeit zählt, Profite sind das Ziel, Gefühle sind da fehl am Platz, es ist ein Leben, indem das menschliche verloren geht, warum soll man da bleiben?, Glaubst du es werden mehr werden, sicher, wenn sich nichts ändert, und wo ist dieser Herr Saita nun, er ist an einem Ort, an dem er sein altes Leben abgestreift hat, nun kann er das Leben leben, dass er sich immer erträumt hat, ist es nicht beängstigend zu wissen, dass man nur im Traum glücklich werden kann?