José Saramago – Geschichte der Belagerung von Lissabon

16. August 2016 - 21:43 Uhr

Ein Geschichte der Belagerung der Menschen

Ein Korrektor wagt etwas ungeheures, er korrigiert nicht, sondern erfindet und setzt damit Ereignisse in Gang, die seinem Leben neue Liebe einhauchen.
Ein allein lebender Korrektor erledigt die ihm zugeteilten Aufträge stets gewissenhaft und pünktlich. Für seine Anmerkungen, Deleaturen und Korrekturen bedient er sich zum einen seines eigenen Wissens und zum anderen, den ihn umgebenden Lexika, Wörter-und Geschichtsbüchern. Menschlichen Kontakt hat er selten, seine Putzfrau und sein Arbeitgeber sind sein Kontakt zur Außenwelt.
Ein Buch über die Geschichte der Belagerung Portugals ist sein neuer Auftrag, eine routinemäßige Abschlusskorrektur und dennoch entwickelt sich die Geschichte anders als ursprünglich gedacht, also nicht nur die des Buches, das hier rezensiert wird, sondern auch die Geschichte des Korrektors. „Die Geschichte war reales Leben, war es in einer Zeit, als man sie noch nicht Geschichte nennen konnte.“
In einer überstürzten oder vielmehr nicht so bewusst geplanten Handlung ändert der Korrektor, Raimundo da Silva heißt er, lediglich ein einziges Wort, ein nicht setzt er hinzu und ändert so die Geschichte der Belagerung Lissabons. Was da in ihn gefahren ist, weiß dieser Raimundo nicht, „Doch dieser andere Raimundo da Silva ist einem kein verlässlicher Begleiter…bisweilen bricht er mit einer anscheinend ganzen Welt versetzenden Kraft herein, äußere wie innere Welten, doch das hält nicht an.“
Sein Fehler, sein wissender, absichtlich gesetzter Fehler wird entdeckt, spät zwar, aber noch bevor das Buch ausgeliefert wurde. Man stelle sich sein eigenes Unglauben vor, wenn es in einem Geschichtsbuch des zweiten Weltkrieges lauten würde, die Amerikaner zogen nicht in den Krieg gegen Deutschland, so bedeutend kann ein nicht sein.
Entlassen wird Raimundo nicht, er erhält eine neue Vorgesetzte und diese Frau möchte, dass er die Geschichte weiter schreibe, mit dem nicht als Ausgangspunkt, was muss da nicht alles beachtet werden, denn schließlich kann die Gegenwart nicht geändert werden, sie ist nun so, wie sie ist, besser wäre es, Raimundo könnte mit seinem nicht, nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart ändern, doch genug davon.
Nun sitzt er in seiner Wohnung, arbeitet an der neuen Geschichte und erlebt die Geschichte selber mit, lebt er doch in Lissabon und kann sich den Ort der Belagerung anschauen. „Bevor ich in diesen Krieg zog, war ich nur Korrektor…“
Damals im zwölften Jahrhundert als der Korrektor das nicht setzte, war Lissabon unter der Kontrolle der Mauren. Belagert und eingenommen wurde die Stadt mit Hilfe der Kreuzritter, doch da Silva setzte ja ein nicht hinzu, was in dem Satz so lautete, die Kreuzritter halfen nicht bei der Belagerung.
Bei den Büchern von Jose Saramago (1922-2010) lernt man viel über die Geschichte Portugals, sei es während der Zeit von Salazar, die Saramago selbst erlebte oder in der Zeit davor, die Saramago nur selber nachlesen konnte und geschickt verwebt er die tatsächliche Geschichte mit seinen erfundenen Geschichte und es reizt den Leser, nachzulesen, was damals so war, wenn man es nicht selber erlebt hatte. Erstaunlich wird das Wissen, das Saramago sich angeeignet hat noch durch die Tatsache, das er aus sehr ärmlichen Verhältnissen kam und seine Eltern weder lesen noch schreiben konnten.
Doch Jose Saramago hat sein Schreiben perfektioniert, für einen Leser, der seine Werke erst jetzt entdeckt, mögen die Sätze, die sich manchmal über eine oder zwei ganze Seiten ohne Punkt und ohne Anführungszeichen, lediglich mit Kommas und Semikolons getrennt schlängeln, zunächst verwirrend sein, doch das weiterlesen wird belohnt mit Worten voller Liebe und Hoffnung. Denn die Liebe ist es, in der es hauptsächlich in Saramagos Werken geht.
Die neue Vorgesetzte von da Silva will dem Korrektor nicht so recht aus dem Gedächtnis schwinden, deshalb gestaltet sich das Schreiben der neuen Geschichte etwas schwer und umgekehrt verhält es sich genauso. „…Damals durchschaute ich es nicht recht…nun aber liegt es auf der Hand, dich suchte ich…“
Und so ist auch die Geschichte der Belagerung von Lissabon ein Buch der Geschichte und vor allem der Geschichte der Liebe.
„Es scheint wir stehen im Krieg, ein Belagerungskrieg ist es, jeder belagert den anderen und ist von ihm belagert, wir möchten des anderen Mauern niederreißen und die unseren bewahren, Liebe ist wohl, wenn keine Barrieren mehr da sind, die Liebe setzt der Belagerung ein Ende.“

José Saramago: Geschichte der Belagerung von Lissabon. Roman. Aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch. Originaltitel: Història do Cerco de Lisboa. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1995. 425 Seiten